Vor etwas weniger als einem Jahr riefen u.a. die Aktivistinnen Kübra Gümüşay und Jamie Schearer das Hashtag #schauhin aus, um über dieses bei Twitter Beispiele für Alltagsrassismus zu sammeln. Wie deutlich dieser noch immer in Deutschland ausgeprägt ist, wurde uns in diesem Bericht für Bauerfeind schon damals sehr deutlich. Dass hierzulande Menschen in aller Öffentlichkeit nicht mehr davor zurückschrecken, ihren antisemitischen Ressentiments freien Lauf zu lassen, unterstreichen aktuell auf erschreckende Art und Weise einige der Teilnehmer von Anti-Israel-Demonstrationen in den letzten Tagen.

Eine weitere traurige Entwicklung: Zehn Monate nach Beginn der #schauhin-Kampagne wird das Hashtag nicht mehr nur von engagierten Bürgern ausschließlich zum Auflisten rassistischer Vorfälle genutzt, sondern auch von Menschen, die in Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland eine Gefahr für sich und ihr Weltbild sehen, für ihre Zwecke missbraucht.

Vor eineinhalb Jahren habe ich für Bauerfeind diesen Bericht von meiner Reise zur Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine produziert. Nach all dem, was in den deutschen Medien Negatives (vor Allem im Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand Julija Tymoschenkos) über die Ukraine berichtet worden war, waren wir selber mehr als überrascht, welch positiven Eindruck das Land auch weit abseits der Stadien auf uns machte. Dass es sich bei den Pro-Tymoschenko-Protestcamp nahes des Maidans lediglich um eine für die Zeit des Fußballwettbewerbs geduldete Protestaktion gehandelt haben dürfte, war uns schon damals klar. Dass an gleicher Stelle 18 Monate später Barrikaden brennen und Menschen sterben würden, nicht. Leider hat sich die Art und Weise, wie über die Menschen und die politischen Lager in der Ukraine derzeit berichtet wird, nicht weiter verändert. Sie ist immer noch sehr schwarz-weiß gefärbt: Auf der einen Seite stehen die unterdrückten, freiheitsliebenden, von einem Boxweltmeister angeführten Protestler auf dem Maidan. Ihnen gegenüber stehen brutale Polizisten und passiv herangekarrte Janukowitsch-Anhänger aus dem östlichen Hinterland. So schlimm die Situation in Kiew derzeit sein mag. Es ist nur schwer vorstellbar, dass dieses Bild der ukrainischen Gesamtsituation gerecht wird. Möglicherweise ist es an der Zeit für eine zweite - weniger fußballbetonte - Reise nach Kiew.